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Tag 1 – Kalt. Auch innen drin.

Kurz vor der Phase, in der es richtig kalt und eisig wird in RumĂ€nien, haben wir uns nochmal fĂŒr eine kurz Tour nach Bucov aufgemacht, um gezielt nach NotfĂ€llen und zarten Hunden zu schauen, die es sonst nicht schaffen wĂŒrden. Aniela und Mihaela sind aktuell völlig ĂŒberlastet und die Anzahl an Welpen ist erschlagend, obwohl wir uns schon mitten im Winter befinden. Die beiden kommen mit dem Erfassen nicht hinterher, so dass wir unsere Hilfe angeboten haben, fĂŒr eine Woche zu kommen. 

Rundgang am Morgen. Ihr kennt das schon. Wir waren ja erst vor knapp 6 Wochen hier und so sieht man ganz ganz viele bekannte Gesichter. Heute morgen war es eisig, alles war gefroren. Schneeberge an den Straßen und komplette Eisplatten im Shelter lassen darauf schließen, dass der Winter schon wirklich durch und durch hier ist. Die Zwinger sind wie immer voll, nicht alle haben Wasser, an Futter fehlt es auch immer wieder. Über die Feiertage ist auch hier wenig passiert und man sieht, dass alles ein wenig ruhiger zugeht. Parallel dazu flitzen aber einige Leute emsig durch die Gegend und holen die verschiedenen Welpen aus ihren Kennels, die die Tage zuvor bereits auf die Reise vorbereitet wurden. unser Welpentransport, den vor allem Aniela und Irina so herbeisehnten, war ein toller Erfolg! 60 Welpen konnten heute aus der KĂ€lte und dem Stress rausfahren in ein besseres Leben. Dr. Popescu fĂ€hrt selber den Transport. 

Entspanntes Warten bei den Hunden, die schon im Auto sitzen.

Der Letzte wird verladen. Dann geht’auf Richtung Westen.

Als das Einladen abgeschlossen war und der Trapo vom Hof rollte, machten wir uns direkt auf den Weg zu einem Kennel, in dem wir bei unserem ersten Rundgang sehr viele Hunde in schlechtem Zustand gesehen hatten. Uns fiel sofort BAJAT ins Auge, der in den letzten 6 Wochen völlig abgebaut hatte. Er war nur noch Haut und Knochen, das Fell kaum noch vorhanden. Nach Absprache mit Irina konnten wir ihn direkt in einen freien Vetkennel setzen, versorgten ihn mit Futter, Wasser und einem Korb und Irina versorgte seine Wunden. Er ist jetzt erst mal dort bis auf Weiteres untergebracht, wird gepĂ€ppelt und kann dann zeitnah ausreisen. Wir haben bereits verschiedene Pflegestellen Angebote erhalten, die wir aktuell prĂŒfen. Das erste Drama schon mal halbwegs gut abgefedert. 

Bajat in seinem Kennel.
Sehr zufrieden mit vollem Bauch in seinem eigenen Körbchen.

Heute Abend lag er schon wie ein kleiner Prinz in seinem Körbchen und war einfach froh, dass er endlich einmal schlafen konnte! 

Als das wir ihn versorgt hatten, tauchte aus dem Nichts ein kleine Welpe auf, der am Ende seiner KrĂ€fte schien. Niemand wusste, woher er kam oder wo er hingehörte. Klar war aber direkt: Hier auf dem Hof konnte er nicht weiter umher rennen, viel zu gefĂ€hrlich. Autos, große Hunde….Auch schien er super schwach. Wir parkten ihn behelfsmĂ€ĂŸig in einem der Hundewagen, Aniela nahm ihn spĂ€ter mit ins Sanctuary, in die Krankenstation dort. Der kleine Kerl war einfach nur froh, als er spĂ€ter eingewickelt in eine Decke ins warme Auto einsteigen konnte. 

Wir machten uns nun weiter an unsere Erfassungsarbeit. Da wir aktuell nur mit einem super kleinen Team hier sind, mĂŒssen wir wirklich PrioritĂ€ten setzen, was einem unfassbar schwerfĂ€llt. Die erste Stunde waren wir völlig besorgt, wie das nun irgendwie möglichst effektiv hier ablaufen kann. Wir entschieden uns fĂŒr vier Kennel, die voller Welpen waren und wo wirklich die Luft brannte. Allen war kalt, alle hatten Hunger, alle wollten dort raus… Also einfach machen, loslegen. Nichts ist schlimmer in Bucov, als planlos rumzustehen und das GefĂŒhl zu haben, dass einen die gesamte Situation aus den HĂ€nden gleitet. Ja, es fĂŒhlt sich sehr anders an, wenn man hier mit einem Bautrupp anrollt, der aus mehr als 20 Mann besteht, die Sonne scheint, es warm ist und alle fleißig arbeiten. Jetzt sind wir hier ziemlich alleine, das Wetter ist ein anderes und man hat klar vor Augen: Niemals werden wir alle Hunde hier erfassen…nicht bei diesem Besuch. Aber wĂ€ren wir nicht hier, wĂŒrde eben auch einiges fehlen und Aniela und Mihaela wĂ€ren völlig alleine.  Also einfach anfangen, etwas Produktives tun. 

Und nach zwei Stunden war auch wirklich schon viel geschafft, seitenweise sind unsere Erfassungsbögen gefĂŒllt und ich schaue mal, was ich heute Abend noch schaffe, bevor mich die MĂŒdigkeit ĂŒberrollt. 

Zahlreiche HĂŒtten konnten in den letzten Tagen geliefert werden und auch heute wurden wieder einige mit der kleinen gelben Elektrokarre verteilt. 

Gegen Mittag brach noch einmal Notfall Alarm aus: Die TĂŒr in Kennel 74 wurde von den Hunden geöffnet und der halbe Kennel rannte nun fröhlich durch das Shelter. Riesen Aufruf ĂŒberall. Die Hunde wissen ganz genau, wer wo wie seinen Platz hat und eine ganze Gruppe an fremden Hunden löst einen Vollalarm aus, der ohrenbetĂ€ubend ist. Wenn hunderte Hunde alle gleichzeitig loskrakelen, dann ist das schon durchaus beeindruckend. Aber die Junghundegruppe merkte schnell, dass die große Freude an der Freiheit trĂŒgerisch war, denn die festen freien Gruppen auf dem GelĂ€nde machen ziemlich schnell Ernst, wenn es darum geht, das Revier abzugrenzen und zu verteidigen. Und so trug es sich zu, dass 4 der 5 Ausbrecher wieder von selber in ihren sicheren Kennel zurĂŒck rannten, wĂ€hrend eine HĂŒndin sich leider nicht so klug anstellte und in ein weiteres Rudel stoß, was sofort Ernst machte. Wir konnten zeitnah dazwischen gehen, aber sie war natĂŒrlich so durch den Wind, dass sie sich nicht einfangen ließ. Das GelĂ€nde ist nicht gut einsehbar, sehr weitlĂ€ufig und voller Vegetation mit vielen Versteckmöglichkeiten. Sie schoß von links nach rechts und sĂ€mtliche Einfangversuche machten keinerlei Sinn, weil man sie so nur noch mehr stresste und die freien Rudel waren nun alle in Alarmbereitschaft. Wir versuchten ein wenig Ruhe in die Sache hineinzubringen, so dass sie sich zwischen zwei HĂŒtten schlich, wo wir sie dann blockieren und auf den Arm nehmen konnten. Keiner von uns hĂ€tte heute Nacht gut geschlafen, wenn wir gewusst hĂ€tten, dass diese HĂŒndin die Nacht dort draußen zwischen den Rudeln verbringt. Sie hĂ€tte die Nacht vermutlich nicht ĂŒberlebt. ZurĂŒck in ihrem Zwinger war sie heilfroh und ging erst mal in die HĂŒtte, und legte sich dort ab… Was fĂŒr eine Aufregung. Uns zeigt es auch einfach wieder: Hunde machen durchaus Ernst, wenn es um Ressourcen geht, wenn es um Reviere und Gruppenzugehörigkeit geht. Es wird ganz klar ausgegrenzt, abgegrenzt und sehr deutlich gemacht, wer Teil des GefĂŒges ist und wer eben nicht. 

ZurĂŒck an einem sicheren Ort.
Erst mal eine Runde ruhen…

Gegen Abend haben wir noch bei den schweren Jungs und MĂ€dels Stroh verteilt. Manche von ihnen haben uns vielleicht sogar wiedererkannt. Und wenn man dann dort steht und versucht 5 min lang die PlastikschnĂŒre, die das Stroh zusammenhalten, aufzufriemeln und einen die Hundeaugen durchdringend beobachten, wird einem klar, dass man hier gerade die grĂ¶ĂŸte Abwechslung des Tages darstellt. Dass diese Hunde in der Zeit zwischen Oktober bis jetzt nicht einmal am Tag irgendwas anderes gemacht haben, als in ihrem Zwinger zu stehen und durch die Gitter nach draußen zu starren. Wenn man sich ĂŒberlegt, wie viele Tage, Stunden und Minuten das sind, dann wird einem ganz anders. Alleine, wenn ich mir ĂŒberlege, wie viele SpaziergĂ€nge ich in diesen Wochen mit meinen eigenen Hunden gemacht habe… was meine Hunde alles gesehen und erlebt haben. Und hier ist es fĂŒr die Hunde eine kleine Sensation, dass sie neues Stroh bekommen und dass man ihnen ein Leckerchen gibt und ihnen den RĂŒcken tĂ€tschelt. Was fĂŒr ein trauriges Leben. Hier, in Bucov. Aber auch in Baile, oder in Campina oder im Sanctuary. Und das sind jetzt vier Orte, an denen noch eine gewisse reelle Chance besteht, dass die Hunde eines Tages durchaus reisen können und ein anderes Leben haben werden. Wie viele Orte gibt es hier in diesem Land, wo die Hunde einfach nur weggesperrt sind und niemals etwas anderes erleben… WĂ€hrend ich da so neben meinem Strohberg sitze und die Spatzen die Reste vom Trockenfutter picken, geht die Sonne gerade unter und man merkt, dass die KĂ€lte sich langsam ihren Weg ĂŒber den Boden bahnt. Die Hunde sind nervöser als im Oktober. Die Tage sind kĂŒrzer, die NĂ€chte umso lĂ€nger. Vor zwei Jahren war ich schon mal zwischen den Jahren hier. Auch da war es anders als sonst. SchwermĂŒtiger, trauriger, aussichtsloser. Mein Blick fĂ€llt auf den riesigen Cane Corso RĂŒden BRAX, den wir vom Oktober schon kennen. Er liegt mĂ€chtig stolz in seiner HĂŒtte auf seinem Strohthron und scheint mit sich und der Welt gerade ganz zufrieden zu sein. Mit wie wenig man hier den Hunden eine Freude machen kann. Meine Gedanken schweifen zu BAJAT. Er liegt wie der Kaiser in seinem Plastikkörbchen auf einer Wolldecke. So etwas wird dieser Kerl noch nie gehabt haben. Ich ziehe mir die Handschuhe wieder an, schließe die Jacke bis ganz nach oben unters Kinn und gehe zum Auto. In die hinteren Zwinger der Vetkennels schaue ich nicht, obwohl sie direkt auf meinem Weg liegen. Es ging einfach nicht. Irina sagte, es sei unfassbar voll dort, sie mĂŒssen dringend Hunde umsetzen, sie weiß aber nicht, wohin. Um meine emotionale StabilitĂ€t nicht ganz aus der Reserve zu locken, nehme ich den kĂŒrzesten Weg zum Auto. Irgendwie feige von dir, sage ich mir. Aber die innere Mitte meldet sich bei mir und flĂŒstert: Morgen Anna, morgen frĂŒh, wenn der Tag startet, schaust du nach ihnen. Dann steht auch dort die Sonne. 
Eine gute Entscheidung. FĂŒr TrĂ€nen hatte ich heute keine Kraft mehr. 

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