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Alle Dinge sind schwierig, bevor sie einfach werden…

Wir sind wieder mit dem Bautrupp und den Zockerladies eine Woche vor Ort in Bucov. Gemeinsam bauen wir Dächer, erfassen Hunde und schauen, dass es den Hunden, die dort untergebracht sind, halbwegs gut geht. 

Wie jeden Morgen sind wir auch heute zeitig aus der Pension aufgebrochen, haben kurz im Supermarkt gefrühstückt und sind als gesammelte Mannschaft dann losgefahren. Auch heute wieder sehr heiß, teilweise hatte die Sonne schon die Wirkung eines Brennglases.  Wasser haben die Hunde mittlerweile alle sehr zuverlässig, bei den freilaufenden Hunden muss man aber noch schauen und ich habe einige Wasserstellen errichtet. Sie gehen sonst leer aus. Heute morgen wurde leider  wieder eine Mama mit Welpen abgegeben. Anscheinend ist dafür gerade Hochsaison. Die Babies haben schon die Augen auf und sind wunderschöne Wesen… Die ganze family musste aber erst mal in einem der kleinen Transportwagen im Schatten geparkt werden, weil wir keinerlei Platz frei hatten und uns da erst mal was überlegen mussten…

Hier ist eigentlich keinerlei Platz für neue Hunde, doch täglich werden vor dem Tor die Kisten mit Welpen abgestellt ( wenn die Mama dabei ist, machen wir schon 3 Kreuze..!), täglich fahren die Autos der Hundefänger raus und bringen neue Hunde von den Straßen mit. Teilweise narkotisiert, teilweise sehr aktiv. Das Ausladen der neuen Hunde ist immer noch etwas, was für mich zu einem der schlimmsten Bereiche hier in Bucov gehört. Es ist furchtbar, wie die Hunde an der Fangschlinge kämpfen. Und es ist schrecklich, wie die Hunde sich erst mal halbwegs orientieren müssen. Dadurch, dass wir extra Ankunftskennels haben, müssen die neuen Hunde nicht mehr in die vetkennels, aber auch diese neuen Kennels sind einfach immer voll und dauerbelegt. Diese neuen Hunde müssen alle kastriert und geimpft werden und können dann erst im Shelter verteilt werden. Da wir haben nicht Tag für Tag alle neuen Hunde kastriert bekommen, „stapelt“ sich dadurch natürlich einiges an. So kommen also neue Hunde, die super stressige Stunden hinter sich haben ( Hetzjagd, Eingefangen werden, Transport, Ausladen) zu den Hunden, die vielleicht schon ein paar Tage dort sind und darauf warten, dass sie kastriert werden. Das knallt natürlich immer wieder, weil die Hunde nach einigen Tagen natürlich schon einen gewissen Anspruch auf Futter und Hütten haben…und das auch sehr deutlich machen. Geht man an diesen Kennels vorbei, sieht man in die verlorensten und traurigsten Augen, die man sich vorstellen kann…

Bis dato gibt es aber keine Neuerungen, die diesen dunklen Bereich Vergangenheit sein lassen könnten. Die Stadt besteht nach wie vor darauf, dass die Hunde eingefangen werden. „neuter and release“ Projekte wurden mehrfach vorgestellt, aber bisher nicht akzeptiert. Das heißt, nach wie vor kommen täglich Hunde nach Bucov. Und wir vermitteln natürlich nicht so viele Hunde vor Ort und nach Deutschland, als dass sich die Zahl der Hunde einpendeln würde. Dafür ist der geografische Bereich, in dem gefangen und nach Bucov gebracht wird, viel zu groß.  
Als ich das Ausladen der Hunde dort heute beobachtete, war ich wieder fix und foxy, weil ich weiß, wie furchtbar diese Situation für die Hunde sein muss. Das zu beobachten, raubt einem kurzzeitig das Bewusstsein dafür, was alles schon so gut hier ist. Ich kann nicht sagen, dass die Hundefänger extra brutal sind, aber einen Hund aus dem Auto auszuladen, der da gar keine Lust drauf hat und völlig panisch ist und alles an Gegenwehr einsetzt, was möglich ist, ist ein einziger Kampf… Ich stand in einem Kennel, der den Ankunftskenneln sehr nah ist und konnte alles gut beobachten. Ich war traurig, frustriert, weil uns keine bessere Lösung einfällt, und stand dort ein wenig planlos rum,  als mich TEDD hat meiner Hand berührte. Ein kräftiger Rüde, den ich schon länger kannte, den wir bis heute nicht vermittelt haben. Es war kurz so, als ob er mir mitteilen wollte: „Hallo Frau, guck doch zu mir…Mir gehts doch eigentlich ganz gut….“ Ein besonderer Moment, der dennoch sehr traurig war. 

Nach dieser kurzen „Auszeit“ ging es im Akkord weiter. Dächer bauen, Hütten sauber machen, Hunde erfassen…. Es sind so viele, und für viele haben wir gar nicht richtig Zeit. Es fängt auch langsam bei mir an, dass ich mich nicht mehr an die Hunde erinnern kann, die ich am ersten Tag kennengelernt habe. Ich glaube, das Gehirn schaltet langsam ab und schont sich damit selber. Sonst könnte man hier keine Nacht mehr schlafen und würde überschnappen. Aber dafür haben wir ja unsere Listen, wo alles fein säuberlich notiert wird. Es geht hier einfach auch darum, ökonomisch zu arbeiten, und in kurzer Zeit das Beste für den Großteil der Hunde rauszuholen. Individuelles Trara ist da eher nur bedingt möglich und einfach nicht umsetzbar. Wenn man dann so viele Stunden immer wieder darüber entschieden hat: Ok, den erfassen wir, den Hund werden wir nicht erfassen…. – ist es eine kurzzeitige seelische Erholung, wenn man Pause macht und kurz bei den Tierärztinnen Catalina und Irina sein kann. Denn dort zählt das Individuum. Für jeden wird gekämpft, jeder wird versorgt, den sie unter ihre Pflege genommen haben. Catalina kämpft gerade um das Leben eines kleinen Welpen, dem es gar nicht gut geht. 

Vielleicht mögen Außenstehende nun sagen: Greift euch mal an den Kopf, da sitzen so viele, warum verbringt man so viel Zeit mit nur einem Welpen, der es vermutlich eh nicht schafft…? Ich muss zugeben, dass es für mich anfänglich auch ein wenig befremdlich war, wie sehr die Ladies hier um Einzelne kämpfen. Aber nach mehr als 20 Rumänienbesuchen weiß ich zwei Dinge: Unsere Tierärzte sind einfach unfassbar großartig und so viele Hunde, bei denen ich dachte: Puh, das wird wirklich schwer werden, dass der oder die es packt… – haben es geschafft und sind jetzt glücklich vermittelt und….ja, das große UND….
Man braucht das einfach für seine Seele. Man muss das Gefühl haben, dass man auch für den Einzelnen erfolgreich kämpfen kann. Würde man diese Möglichkeiten nicht haben, und Einzelschicksale nicht an sich heran lassen, dann würde das hier eine Massenabfertigung werden, die nicht gut ist. Daher hat auch jeder Hunde bei uns einen Namen… Das war uns sehr wichtig, und das ist auch den Ladies vor Ort wichtig. „Please, choose a name!“ – Das ist das, was wir hören, wenn wir wieder mit einem Notfall angerannt kommen und bei den Tierärztinnen um Hilfe bieten… Sie wollen einen Namen wissen, damit sie denjenigen kennen, für dessen Leben sie sich einsetzen.

Und das ist auch das, was man immer wieder in den Vordergrund stellen muss und wo sich leider auch die Schwierigkeiten und die Dramen entwickeln. Man muss die Augen offen haben und die Einzelschicksale erkennen. Man muss sich, trotz der Masse an Hunden, immer wieder fragen:

Was bedeutet das für diesen einzelnen Kerl, der dort gerade völlig depressiv und abgeschlagen in der Hütte liegt…?
Was bedeutet es für diesen Welpen, der nun ohne Mama ins Shelter abgeliefert wurde und provisorisch in der Holzkiste sitzt?
Was bedeutet es für diesen Staffi, der in seinem kleinen Kennel bis an den Tag x hier hocken wird, weil wir ihm keine Chancen ermöglichen können?
Was bedeutet es für den völlig hyperaktiven, dauerkläffenden und hysterischen Hütehundmix, der alle anderen in seinem Kennel zusammenprügelt, weil er so verzeifelt ist?

Das sind die Fragen, die schmerzen, die weh tun… Denn es ist klar: Egal wie gut wir das hier gestalten, wie viele Hütten wir bauen und Dächer errichten. Egal wie viel Geld wir für Futter und Medikamente haben…Für manche Hunde ist es einfach eine riesen Qual. Und das wird immer so bleiben.  Diese Dinge sind schwierig und zäh, sie sind hart zu verdauen und hinterlassen ein mulmiges Gefühl. Wir haben schon so viel geschafft, aber das bedeutet nicht, dass es für jeden Einzelnen besser wird…

Die Dinge sind immer schwierig, bevor sie einfach werden. 

 

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