3. Tag in Ploiesti – Zusammen alleine…

Vom 19.3 – 26.3 sind wir wieder vor Ort in Ploiesti. Gemeinsam mit einem Team von 6 Leuten versuchen wir wieder Aniela und Mihaela unter die Arme zu greifen, zu schauen und erkennen, was zukünftig besonderer Fokussierung bedarf und natürlich so viele Hunde neu zu erfassen, wie es geht. Jeden Abend findet ihr hier auf der Homepage den Tagesbericht mit einigen Impressionen…

Heute haben wir uns die vetkennels vorgenommen. Ich schiebe mir diesen Tagespunkt nie auf den ersten Tag, weil man danach direkt vermutlich den Rückflug buchen würde, weil man am Ende ist. Am 3. Tag hat man schon ein wenig „Fell“ und ist in der Lage halbwegs rational seine Arbeit zu machen. Die vetkennels stellen das einzige Gebäude auf dem gesamten Gelände dar. Es ist der Ort, an dem die Kranken, die Alten, die Mobbingopfer, die Zarten, die Neuen und Orientierunslosen untergebracht werden. Klingt ja so erst mal ganz gut. Es gibt dort eine Heizung und Fließen (zumindest innen). Auch behandeln dort die Tierärzte die Sorgenkinder, verteilen dort Medikamente und haben so schnellen Zugriff auf die Patienten.

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Diese Hündin wartet brav ihre Infusion ab.

Doch dieser Ort ist gleichzeitig der schlimmste Ort im Tierheim. Die Hunde sitzen dicht an dicht, bekommen kein Sonnenlicht ab, stehen häufig im Nassen und haben keinerlei Möglichkeit richtig zu schlafen, da viel zu wenige trockene Liegeflächen möglich sind. Wir haben alles mögliche versucht, aber selbst Plastikkörbe dürfen wir dort nicht reinstellen. Morgens werden diese Zwinger mit kaltem Wasser ausgespritzt und die Hunde sitzen nass und frierend dort. Außen hat Aniela jetzt extra Paletten bauen lassen, damit die Hunde wenigstens leicht erhöht liegen können. Es gibt auch dort sehr viel Stress unter den Hunden, aber sie beherrschen sich, weil sie genau wissen, dass der Raum viel zu klein ist.

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6 Hunde seht ihr, vorne am Zaun standen weitere acht Stück…

Auf der Vorderseite sitzen all die Hunde, die medizinisch betreut werden. Die Hunde sind so alle nah beieinander und die Tierärzte können gezielt behandeln. Würden die Hunde in den Außenbereichen bleiben, müssten sie immer wieder eingefangen werden (mit Fangschlinge), damit sie behandelt werden können.
Auf der Rückseite sitzen die neu eingefangenen Hunde, die teils sehr unter Schock stehen. Blut, Kot und Erbrochenes findet man verschmiert auf dem Boden. Teilweise sind die Hunde noch in der Aufwachphase, da sie teilweise mit Betäubungsmittel geschossen werden, wenn man sie nicht mit der Fangschlinge einfangen kann. Sie kommen in einem kleinen weißen Lieferwagen an, wo sie zusammengepfercht im Kofferraum sitzen und dann einzeln mit der Fangschlinge in einen dieser Zwinger – man muss leider sagen – geworfen werden. Sie brauchen Tage, bis sie halbwegs Orientierung haben. Dienstags, wie auch heute, kommt Vet Bratur und kastriert alle Neuankömmlinge. Nach der Kastration verbleiben die Hunde eine Nacht im Zwinger ( teilweise 20 sich unbekannte Hunde pro Zwinger) und werden am nächsten Tag auf die Außenzwinger verteilt. Würde man sie im narkotisierten Status in die Außenzwinger bringen, würden sie dort von den ansässigen Hunden zerfetzt werden. Es ist ein hartes Regiment, die Hunde haben kein Erbarmen, keine Rücksicht. Man muss selber stark sein, um überleben zu können. Frustration und Aggression durch mangelnde Auslastung staut sich an und es kommt dann zu „Explosionen“, wo die Schwachen ihr Leben lassen.

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Neu angekommen. Verzweiflung pur.

In den Innenzwingern sitzen die medizinischen Notfälle, die es besonders warm brauchen. Unsere Hauthunde sind dort, aber auch viele Hunde, die aktuell die Staupe durchmachen oder schwer erkältet sind. Drinnen ist es zwar warm, aber sehr dunkel und die Geruchsbelastung ist für die Hunde enorm. Wir haben heute mit Irina, sie ist die behandelnde Tierärztin, alle Hunde von innen nach außen geholt, damit wir Fotos machen konnten und wir ein wenig mehr von den Hunden erleben durften. Jedes Mal, wenn eine solche arme Seele bei uns draußen war, war das ein sehr berührender Moment.  Sie riechen. Sie schauen. Sie staunen. So lange haben sie kein Licht gesehen und hatten eine freie Nase. Viele waren erst mal überfordert, drückten sich dicht an uns, genossen aber jede Minute.

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Große Augen – eine neue Welt!
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Erst mal atmen…Frische Luft!
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Eine ganz zarte Maus…

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Katara

Der schlimmste Zeitpunkt ist jedoch der, wo man die Hunde wieder in ihre dunklen Zwinger bringt…Sie klammern sich an deinen Arm, schauen besorgt über deine Schulter und drücken den Kopf an deinen Hals. Und man selber fühlt sich fast als Verbrecher, dass man es wieder tut. Dass man sie wieder alleine lässt. In der Dunkelheit. In der Einsamkeit. Im Gestank und im Dreck. In der Hoffnungslosigkeit. Man fühlt sich ohnmächtig, man zweifelt, man kämpft. Die Hunde sitzen dort dicht an dicht. Sie sind unter vielen Artgenossen. Sie hocken dort zusammen. Aber sie sind alleine. Sie sind zusammen alleine.

Es war heute ein schwerer Tag, es gab nicht wirklich einen Lichtblick. Als wir dann zurück in die Pension kamen, erfuhren wir die traurigen Nachrichten aus Belgien.

Das Einzige, was wir nun produktives veranstalten können, ist, dass wir uns an die Galerie setzen und Hund für Hund durchgehen, Bilder sichten, Texte schreiben und hoffen. Wir hoffen, dass wir zusammen weniger allein sind und dass wir gemeinsam viel erreichen können. Für die Hunde. Für die Schattenhunde der vetkennels.

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