Charlie

Charlie

Warum genau ich mich damals ausgerechnet für Charlie, der damals noch Merkur hieß, entschieden habe, kann ich heute gar nicht mehr sagen. Ich weiß noch, dass er unter den Notfällen gelistet war, aber da war er ja bei weitem nicht der Einzige. Aber irgendwas an seinem traurigen kleinen Gesichtchen, dass auf dem Bild so hoffnungsvoll zu dem Fotografen aufsah, hat mich sofort verzaubert. Als ich ihn dann Wochen später nach einer absoluten Chaos-Nachtfahrt bei der Hundehilfe Salzgitter endlich zum ersten Mal live sah, war ich erstens erstaunt, wieviel kleiner er war als erwartet und zweitens, wieviel zutraulicher. Ich hatte einen total verstörten, traumatisierten Hund erwartet, aber was ich bekam, war ein kleines Bündel Lebensfreude auf 4 krummen Beinchen. Er ließ sich lässig ins Auto laden, verpennte die gesamte Heimfahrt und ging dann auch daheim gleich zwar schüchtern, aber doch offen auf alles zu. Ich werde nie vergessen, wie rührend er sich über das weiche Kissen freute, das sein Schlafplatz wurde (und heute noch ist). Natürlich war auch mit ihm (und sicher auch für ihn) anfangs nicht alles nur Licht und Sonnenschein. Was auf dem Vermittlungsfoto nicht zu erkennen war: ihm fehlt ein Ohr, es wurde wohl abgeschnitten. Und auch darüber hinaus hat er sicherlich einiges mitgemacht in seinem früheren Leben. Er hatte anfangs Angst vor sämtlichen Männern und ist auch jedesmal zusammengezuckt, wenn man einen Besen o.ä. in die Hand nahm. Glücklicherweise hat er das inzwischen weitgehend überwunden und geht inzwischen mutig auch auf fremde Menschen zu (jedenfalls so lange ich dabei bin). Überhaupt ist er ein sehr geselliger, unternehmungslustiger und lernfreudiger kleiner Kerl. An Geschirr und Leine, obwohl anfangs offensichtlich ihm total unbekannt, hat er sich unglaublich schnell gewöhnt, stubenrein war er buchstäblich vom ersten Tag an und auch die Regeln unseres Haushalts und vor allem Gartens (á la „man gräbt nicht Frauchens Blumenbeete um“) hat er unglaublich schnell verstanden. Obwohl die Fiddelei mit der langen Schleppleine im hohen Gras zeitweise sowohl ihn als auch mich nervt, liebt er lange Spaziergänge (die man ihm mit seinen kurzen Beinchen kaum zutrauen würde), vor allem, wenn eine Meute seiner Hundekumpels dabei ist. Am Freilauf müssen wir noch ein bischen arbeiten – wenn er bei der Mäusejagd oder Spurensuche ist, stellt er die Öhrchen noch ganz gern mal auf Durchzug. Aber auch das kriegen wir noch in den Griff. Was ich ganz besonders toll finde, ist die Tatsache, dass er sich mit buchstäblich jedem einzelnen Hund, dem wir auf unseren Spaziergängen begegnen, versteht und mit vielen davon wunderbar spielt, auch wenn sie locker doppelt so groß sind wie er. Er hat es auch geschafft, die gesamte Nachbarschaft zu verzaubern: jeder findet ihn total niedlich und möchte ihn am liebsten knuddeln. Ich bin noch nie von so vielen fremden Leuten auf der Straße angesprochen worden wie auf den Spaziergängen mit ihm und ich hätte nie erwartet, wie positiv alle Leute reagieren, wenn sie erfahren, dass er ein Tierschutzhund aus Rumänien ist. Insofern ist er sowas wie ein kleiner Botschafter für seine Leidensgenossen, die noch in Rumänien und anderswo festsitzen. Wenn ich dadurch, dass die Leute sehen, wie unkompliziert und fantastisch er ist, einige Leute evtl. dazu animieren kann, auch einen Auslandshund in Betracht zu ziehen, wäre das für mich ein netter Bonus. Der Hauptgewinn allerdings ist Charlie selbst. Ich hätte nie gedacht, dass ein Hund, den ich allein aufgrund eines Fotos ausgesucht habe, so schnell so toll in unsere Familie passen könnte. Auch wenn ich eine 10seitige Wunschliste hätte aufstellen können, hätte ich es nicht besser treffen können. Und wenn ich sehe, wie er mich beim Spielen angrinst oder sich genüßlich auf seinem Kissen räkelt, bin ich ziemlich sicher, dass er das ähnlich sieht.