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Anspruchsdenken. Zu welchem Zwecke?

Es beschleicht mich das merkwürdige Gefühl, dass wir als Tierschutzorganisation immer mehr zum Dienstleister degradiert werden sollen. Durch den Druck von außen, dass ja gerade im Tierschutz so viel schief läuft. Und dass man da so sehr an den falschen geraten kann. Dass vieles erlogen ist, dass manche beworbenen Hunden gar nicht existieren. Dass Notfälle künstliche gepusht werden, um Geld zu sammeln.

Kennen wir alles. Sprechen wir drüber, wird auch uns vorgeworfen. Arbeiten wir gegen an. Und meist kehrt auch wieder Ruhe ein.

Aber es wird teilweise so viel Perfektion von uns erwartet, ein Anspruch wird erhoben, der an vielen Stellen einfach nicht umsetzbar und erwartbar ist. Es passieren Fehler, es kommen Missverständnisse auf. Es gibt immer wieder Punkte, wo eine falsche Entscheidung fällt. Ja, das ist auch bei uns so. Wenn die Leute, die dann betroffen sind, aber völlig überreagieren. geschockt sind, direkt zum Anwalt laufen wollen oder uns direkt anzeigen, dann frage ich mich immer: Woher kam bei der Entscheidung, einen Hund aus einem Hundelager wie Bucov bzw. aufzunehmen, die merkwürdige Vorstellung, dass alles samtweich + perfekt sein würde? So viele Dinge sind von uns nicht beeinflussbar. Keines der möglichen auftretenden Probleme wurde von uns aktiv hochbeschworen oder vertuscht. Aber es ist doch irgendwie klar, dass die Hunde, wenn sie zu tausenden zusammenhocken, eine eingewachsene Kralle haben, das Ohr von der Ohrmarke vielleicht noch blutet…oder sie die ersten Tage einfach müde sind und schlafen wollen.

Ich möchte es an einem zentralen Problem mal deutlich machen, wie schwierig und kniffelig die ganze Kiste manchmal ist. Für UNS.

Manche Hunde sind nicht kastriert, obwohl sie es sein sollten…das ist ein Fehler, der ärgerlich ist und manchmal auf Probleme verursacht in der Familie. Wir haben bisher immer Lösungen gefunden mit den Familien, die mit uns gesprochen haben…. Aber wie sollen wir diesen Fehler ausbügeln? Die Hunde tragen bereits alle Ohrmarken. Aber auch diese können verloren gehen. Alle Hunde ab dem 6. / 7. Monat werden kastriert. Bitte keine Aufregung: Ja das ist sehr früh, aber eine Hündin kann bereits in diesem Alter läufig werden und ihr könnt euch nicht vorstellen, was in einem Shelter los ist, wenn dazwischen eine läufige Hündin sitzt…ihr wollt euch das nicht vorstellen…
Sollte jemand nicht kastriert sein, weil er uns einfach mal „durch die Lappen gegangen ist“… ist das gerade bei einer Hündin nicht so einfach feststellbar…Wir können nicht jede Hündin vor Ausreise zum Ultraschall bringen oder sie nochmal in Narkose legen lassen, um zu prüfen, ob die Kastration durchgeführt wurde.

Wie soll das Problem also wirklich gelöst werden? Wir haben alle doppelten Böden durch…gibt keine Lösung. Wir können es nur hier bei uns lösen, indem man miteinander spricht, eine Lösung findet.

Wir erfahren aber teilweise Anschuldigungen, die ins Bodenlose gehen und die einfach keinen Spass mehr machen. Woher kommt dieser Anspruch, dass man einen perfekten Hund erwartet? Man will Tierschutz machen…man will helfen, sich – man muss es leider so sagen – damit brüsten, dass man den ärmsten Dackel überhaupt gerettet hat.

Man muss posten, sich beweisen. Tierschutz ist teilweise zur Selbstdarstellung geworden, die aber nicht unbequem werden darf. Perfekter armer Tierschutzhund. Gerettet….von jemandem, der gerettet hat, wegen des Applaus. Wirds nervig, sind wir die Buhmänner, weil Hund nicht so ist, wie beschrieben. Weil Pflege länger dauert, als angedacht. Weil Laufen an der Leine immer noch nicht geht. Oder weil man 7 Monate Kuschelkurs macht und danach auf das unerzogene Monster keine Lust mehr hat. Es gibt mannigfaltige Gründe, um eine Orga anzugreifen. Und die Orga an sich ist dann gezwungen, nicht die große Konfrontation zu fahren, weil das ja wieder alles in der Öffentlichkeit zertreten wird und man ja dann sagen kann: Jaja, das ist immer dasselbe mit den Orgas. Da lassen sie nun einen sitzen mit dem von ihnen eingeschleppten Hund…

Entschuldigt, aber hier ist eine Orga, die sich echt den Ar*** aufreißt, damit alles läuft. Damit es transparent ist. Damit man Ansprechpartner hat. Hilfe bekommt, beraten wird, Fragen sich klären…. Und jeder Mensch, der sagt: Ja, Hund mit Vorgeschichte, den ich selber nicht kenne, der vielleicht Probleme am Start hat, die ich jetzt noch nicht kenne, der hier völlig auf Neuland trifft….da habe ich Bock drauf, das packe ich, ich halte die erste Zeit tapfer durch, jammer nicht, schlafe mal weniger, stelle mal meine Komfortzone hinten an und beiß mich durch. Gehe nicht das Wochenende drauf auf eine Party, lade vielleicht mal nicht direkt 10 Leute ein, lasse die Enkel vielleicht einmal ein Wochenende nicht kommen……jeder Mensch, der das so sagt und uns bestätigt, kann nicht nach ein paar Tagen ankommen und aufgeben. Das geht nicht in meinem Kopf. Was erwartet man denn? Woher kommt dieser Anspruch? Woher kommt diese niedrige Frustrationstoleranz? Diese Sehnsucht nach Null-Probleme und „Läuft super“? Es gibt Fälle, wo es nicht geht. Wo der Hund woanders hin muss. Die gibt es. Aber ich würde nach meiner jahrelangen Erfahrung behaupten, dass 80% der Rückläufer produziert sind durch Aufgeben, durch Null-Bock, durch komplette falsche Einschätzung seiner persönlichen Belastungsgrenze. Durch das sich Beweisen müssen…dass man auch noch einen Tierschutzhund gebacken bekommt. Neben allem anderen. Was ja auch noch im Leben ist und da auch bleiben soll….

Ich mache mir viele Gedanken um die Rückläufer Problematik. Niemand ist davor sicher. Jedem passiert ist. Ich weiß, was wir an Vorarbeit betreiben, wie wir alles auf links drehen. Und ich weiß, wie mies es meinen Vermittlerinen geht, wenn sie mich informieren, dass jemand zurückkommt und wir einen Platz brauchen. Wir suchen die Schuld bei uns. Immer zuerst. In 20% der Fälle lag es vielleicht an uns. Aber der große Teil….siehe oben. 80%….

Es macht traurig. Weil es unsere Gesellschaft spiegelt.Weil es deutlich macht, dass der Mensch kein Wesen ist, das von Natur aus einen Willen mitbringt, auch durch tiefes Wasser weiterzugehen. Wir rennen zurück ans Ufer, und bleiben im selben Loch sitzen. Die Probleme können andere auslöffeln. Die Anderen. Das sind wir. Wir haben uns mittlerweile ein kleines Boot gebaut. Um auch durchs tiefe Wasser zu kommen. Aber nicht panisch wahllos, ohne Richtung….Unsere Segel sind gesetzt. Der Kurs ist klar.

Danke an alle die, die Tag für Tag durchhalten, arbeiten, unseren Rumis ein Zuhause schenken, was geprägt ist von Respekt, Liebe, Mut und Kraft. Denn die braucht man, wenn man sich auf so ein Abenteuerprogramm einlässt. Mut, dass es die richtige Sache war und man durch alle Untiefen gemeinsam durchgehen wird. Wir helfen euch.

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