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(Überlebens-) Künstler wird man aus Verzweiflung.

Und wir sind schon wieder da… Aktuell ist Rumänien Reisezeit und wir besuchen zur Zeit wieder unterschiedliche Ziele…Ich bin aktuell zusammen mit einer Gruppe Ehrenamtlicher eine Woche vor Ort in Baile Herculane, wo wir seit 6 Jahren zusammen mit Mishu Stoik ein Tierheim unterhalten, in dem immer um die 300 Hunde leben. Gerne nehme ich euch wieder mit auf die Reise und lasse euch an dem Erlebten teilhaben.

Irgendwie verging der Tag heute wie im Fluge. Morgens, wenn wir Richtung Shelter starten, hängen die Wolken noch tief in den Bergen, alles wirkt noch verschlafen, nur die 40-Tonner fahren wie auf Schienen über die Landstraße, die uns zum Shelter bringt. Die Männer fangen ab 8 Uhr mit der Arbeit an, füttern, wässern, dann wird step by step sauber gemacht. Auch Gogu, unser Baumeister, füttert die P-Kennels, da dort aktuell sein Arbeitsplatz ist. Hier in Rumänien ist es irgendwie immer besser, Generalist zu sein. Spezialisten sind hier immer ein wenig verloren, denn gerade hier, an so abgeschiedenen Orten wie in den Karpaten, muss man sich eben irgendwie auch selber helfen können. Und da füttert man Hunde, nivelliert Ausläufe, fängt Enten mit der Hand ein, und baut dem Anhänger für den Traktor eine neue Deichsel. Wenn Gogu dann bald auch noch Kuchen backt, kann er die Welt erobern. Apropos Ente…Neben den drei Lämmern von gestern, sitzt seit ein paar Tage auch eine Ente im Shelter. Sie flog völlig suizidmäßig immer wieder ins Shelter rein und die einzelnen Hundegruppe haben sich schon einen Festakt ausgemalt, wenn sie doch mal endlich bei ihnen im Kennel landen würde. Alex hat sich auf die Lauer gelegt und zusammen mit Gogu die Ente gesichert und zwischengeparkt. Geplant ist, dass sie dann mit den Lämmern zusammenleben wird. Weit weg von den Hunden…:) 

Heute morgen früh haben wir KAFKA besucht, unseren Timberwolf. Sein Winterfell musste dringend raus, also haben wir ihn wirklich auf links gedreht und gefühlt 4 Berge Wolle aus dem Wölfchen gekämmt. Anschließend durfte er in den Freilauf und war für 30min der glücklichste Hund der Welt..

So viel Wolle…
Endlich laufen und im Gras schnüffeln.

Der Freilauf war dann mit allen möglichen anderen Hunden besetzt, wir haben sie immer mal für 30min dort geparkt, damit sie laufen, riechen, buddeln und einfach mal etwas sehen können… Auch TELDOR, unser Bärchen von gestern, war so happy! Wir haben auch ihm den kompletten Winterpelz ausgekämmt. Er hat das alles wunderbar mit sich machen lassen und läuft an der Leine wie eine 1…. 

Coolio freut sich so sehr über den Besuch!

 Auch Langzeitinsasse COOLIO haben wir heute besucht. Immer noch warten, immer noch nur die paar qm Betonzwinger erleben. Es macht einen echt fertig, die Hunde Jahr für Jahr dort zu sehen… Direkt nebenan liegen SHADY und FUCHUR, der andere Nachbar ist BILLY. Alle mehr als ein Jahr bei uns…

Shady hat sich toll entwickelt. Aber auch sie wartet seit mehr als 2 Jahren im Shelter!

Auch bei uns im FOREVER Abteil gibt es Neuigkeiten. Dort sind immer die Hunde, die super scheu sind und eigentlich nicht in die Vermittlung können – außer aktuell VIGGO…Neu dabei ist aber unser kleiner Giftzwerg aus de letzten Jahr. Anfangs war er, weil so aggro auf alles und jeden, in einem Einzelzwinger untergebracht. Nun wurde er dort in die FOREVER Gruppe integriert, was sehr gut klappt und er hat sich schon deutlich runtergefahren. Heute hat er aber uns auch deutlich angezählt, aber so wirklich ernst meint er das alles auch nicht. Er kann sich dort schön entspannen und heute Mittag habe ich mal heimlich um die Ecke geschielt, da lagen alle zusammen in der Sonne… Eine gute Lösung. 

 

Über einige Hunde hier wunder ich mich immer wieder. Wie sie das einfach hier mental durchstehen. Dass sie nicht völlig durchdrehen, an Einsamkeit versterben, oder einfach aufhören, zu fressen. Wie sie das Beste aus ihren Handicaps machen, mit 3 Beinen durchs Leben schaukeln, trotz Arthrose tapfer am Zäunchen stehen und wedeln, oder die Einschränkung ihrer Behinderung einfach so nehmen, wie es kommt. So zum Beispiel auch Wilhelm Tell. Ein junger Malinois Rüde, der als kleiner Welpe mit Bruder zu uns kam. Sein Bruder verstarb, da seine Behinderung noch sehr viel stärker war, als die vom jungen Tell. Tell ist rassetypisch sehr agil, dreht in seinem kleinen Kennel Runde um Runde und seine Körperhaltung ist als durchaus „wackelig“ zu bezeichnen. Er hält den Kopf schief, scheint nicht 100%ig zu sehen und läuft auch einfach mal gehen eine Hütte oder eine Bank. Heute im Auslauf braucht er eine Zeit, bis er wusste, wo was steht. Er ist aber ganz rührend in seiner Art, will mit dabei sein, will gefallen und sucht absolut den menschlichen Kontakt. Tell wird immer ein besonderer Typ bleiben und wir denken, dass er seit Geburt an ein neurologisches Problem hat, was aber hier nicht genauer definiert oder untersucht werden kann. Mit anderen Hunden kommt er super aus. 

Dann ist da noch FIGARO. Kein Handicap. Doch. Vergessen. Er ist schwarz. Er ist groß. Er ist älter. Also in Summe dann drei Handicaps. 🙁 Seit mehr als 1,5 Jahren kenne ich diesen Hund und es bricht einem wirklich das Herz, wenn man ihn da stehen sieht. Wesenstechnisch könnte ein wenig Dobermann mitgemischt haben, denn er ist unfassbar weich, sensibel und sentimental. Würde er weinen können, würde er das tun. Aber er weint nicht. Er steht da. Schaut Löcher in die Wand. Geht wieder weg, und stundenlang am hellichten Tage, wenn draußen echt der Bär steppt, geht er in die Hütte und meldet sich ab. Er beamt sich vom Kopf weg. In eine andere Welt. In ein Zuhause. Aber so ganz aufgeben, das geht irgendwie für ihn auch nicht. Und wenn man dann bei ihm ist, taucht da wieder dieses Strahlen in seinen Augen auf. Sie werden goldbraun und ganz warm. Und man merkt: Da ist noch Leben in unserem schwarzen Ritter. Er hält tapfer durch, weil er muss. Er geht nicht unbeschwert und locker durch den Tag, wie andere der Hunde hier. Er schlägt sich durch. Hat für sich Strategien erarbeitet, mit diesem leeren Tag klarzukommen. Aus der Verzweiflung heraus. 

Figaro – einer von vielen (Überlebens-) Künstlern hier.

 Dann gibt es wiederum andere, die so verzweifelt sind, dass sie um ihr eigentliches Wesen eine dicke Kappe aus verzweifeltem Chaos gebaut haben. NIELSON zum Beispiel. Völlig verzweifelt. Völlig verworren innen drin. Chaos. Mal spielt er mit den Hunden in seinem Kennel, dann verliert er wieder die Nerven und zwackt auch einfach mal übertrieben zu. Besucht man ihn, springt er wie ein Flummi wahllos in der Gegend rum. Hat kaum 1 Minute Ruhe, rennt von a nach b, frisst mittendrin, obwohl er so rund ist wie eine Weihnachtskugel. Alles in ihm kommt ins Wanken, wenn man ihn aus seiner Alltagseinbahnstraße abholt. Freude, Panik, dass man wieder geht, Frust, Unsicherheit, Hysterie. Alles in einem. Man erkennt im ersten Moment eigentlich gar nicht, wer NIELSON wirklich ist. Crazy Typ? Neurotiker? Hundeopa? Meist machen wir dann einfach erst mal gar nichts, warten ab, beschäftigen uns mit ganz anderen Dingen, nicht mit NIELSON. Und dann braucht es eine Zeit und dann bröckelt diese dicke Kappe, diese massive Schicht aus Verzweiflung ab und man kann ganz vorsichtig darunter schauen und den NIELSON Kern erkennen. Wer bist du eigentlich, Herr NIELSON? Würde Herr NIELSON sich selber beschreiben können, würde er vermutlich verlauten lassen: Ich bin Herr NIELSON, ich mag es gerne leise und vorsichtig. Ich liebe Regeln und Ordnung. Ich brauche jemanden, der sicher für mich da ist und der mir Halt gibt. Ich bin neugierig und würde so gerne endlich mal losziehen und die Welt entdecken. Ich will bei dir sein. Ich will der Herr NIELSON sein, der nach einem regnerischen Spaziergang am Sonntagmorgen von dir trockengerubbelt wird und wir lesen dann zusammen die Zeitung auf dem Sofa. Mehr muss nicht passieren, damit es ein guter Sonntag für mich wird. Viele Grüße, der Kern vom Herr NIELSON. 

Herr NIELSON und die dicke Kappe

Und wenn man sich dann mental mit Willhelm Tells, Figaros und Herr Nielsons beschäftigt, hat man eigentlich schon genug in der Birne zu tun. Aber dann ist man ja immer noch in Rumänien und es kommt halt einfach mal vor, dass vor dem Shelter eine Kutsche hält, darauf ein völlig abgezerrter und mit Strick fixierter Hund steht und dieser abgeladen wird. In den Momenten ist man immer heilfroh, wenn man das nicht alleine coachen muss, sondern Gabi, unser Arbeiter da ist, den Hund abbindet, einige Wörter auf Rumänsich wechselt und Andreea, die Tierärztin holt. Man selber ist irgendwie immer noch total überfordert, weil das einfach Dinge sind, die man hier sonst nicht wirklich sieht bei uns in Deutschland. Das abgeladene Etwas ist grau gestromt, 65cm hoch, rappeldürr und völlig durch den Wind. Das angebotene Wasser wird in einem Satz runtergeschlungen, chipen, entwurmen…alles wir halbwegs ertragen und dann ging es erst mal in die Quarantäne. Nassfutter fertig machen, runterkommen, erholen. Sein Name sei BEATIE, wurde uns gesagt. 10 Jahre sei er, ein guter Hund…auch das sagte man uns. Da wir den Namen BEATIE alle ganz furchtbar fanden, haben wir ihn MR. BEETLE genannt. Zu Deutsch „Herr Käfer…“ deutlich netter und positiver besetzt…meinen wir…:) Auch er wird sich machen…Aktuell ist seine Kappe aus Verzweiflung, Angst, Unsicherheit… so groß, dass er nun erst mal ein wenig ankommen muss. 

Gefühlt das erste Nassfutter seines Lebens…

Wir sind nun mit allen Kennels durch und aktuell haben wir in Baile 311 Hunde. Das ist seit 3 Jahren nun eine konstant stabile Zahl, was für ein rumänisches Shelter durchaus sehr gut ist. Oftmals ist es leider so, dass die Hundeanzahl um Jahr für Jahr höher wird und sich die Bedingungen für die Hunde vor Ort verschlechtert. Wir bleiben in Baile dran und hoffen, dass wir auch in den kommenden Jahren nie Zahl 300 niemals wirklich übersteigen müssen. Das heißt aber natürlich auch, dass wir immer schauen müssen, dass regelmäßig Hunde ausreisen und es wäre so großartig, wenn auch endlich mal ein COOLIO oder ein FIGARO dabei wäre…

Morgen packen einige Hunde ihre Köfferchen und dann wollen wir endlich endlich einige Hunde umsetzen und neue Gruppen konfigurieren. Das wird spannend, aber auch absolut anstrengend. Körperlich und mental. 

Grüße von uns allen aus den Karpaten,

Anna 

 

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